Hong Kong - so ist es wirklich

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Scheiss FC Bayern!

So, jetzt habe ich drei Tage Feiern in Hong Kong hinter mir. Vor zehn Jahren hat China die Stadt von der britischen Regierung wieder bekommen, das Ganze wird hier "Handover" genannt. Es gab ein Riesenfeuerwerk, Paraden und einen Pro-Demokratie-Marsch mit 65.000 Teilnehmern.

Ich war ignorant und habe mich ins Hong Kong Stadium verzogen. Naja, eigentlich hatten Freunde Karten besorgt, und ich hatte keine große Wahl. Es gab einen Reunification Cup, zu dem der FC Bayern angereist war, um gegen Sao Paulo anzutreten. Das ist interessant, weil die Hongkonger bar einer eigenen Fußballmannschaft mit Niveau ganz scharf auf europäische Ligen und Mannschaften sind. Und weil ja der FC Bayern die einzige deutsche Ligamannschaft mit Weltniveau ist... Es waren zwar nur ein paar der großen Stars da, aber immerhin spielte Olli Kahn eine Halbzeit, Philipp Lahm war 90 Minuten dabei und Miroslav Klose musste gleich nach seinem Umzug ran. Mark van Bommel war auch da. Der durfte einen Tag vor dem Spiel bei einer Geschäftseröffnung in Causeway Bay sein Gesicht hinhalten. Frage mich, wie sich ein Mark von Bommel fühlt, wenn er für 72 Stunden in Hong Kong ist, in eines der überfülltesten Stadtviertel gefahren wird und, von kreischenden, schwarzköfpigen Fans umgeben, einen Laden eröffnen darf...

Naja, jedenfalls sind wir hin ins Stadion und dort mit einem saftigen Regenguss begrüßt worden. Zurzeit ist Regenzeit hier und das macht alles ein bisschen unberechenbar. Eine Menge Hongkonger hatten Trikots von deutschen Ligamannschaften oder von der deutschen Nationalmannschaft an, was uns merkwürdigerweise ein bisschen stolz machte. Als wir dann unsere Plätze gefunden hatten, freuten wir uns erst, als wir ein paar Deutsche Fans vor uns hatten. Eine lustige Truppe war das, schon ziemlich rotkopfig und glasaugig, alldieweil die braven Hongkonger ja in Unkenntnis deutscher Trink- und Fantugenden das Bier treuherzig in Zwei-Liter-Kannen ausgaben. Doch als dann die Bayern aufliefen, kam es, wie es kommen musste: Die Truppe vor uns hielt es nicht mehr auf den Bänken: "Scheiss FC Bayern" grölten sie lauthals und gaben alles her, damit auch ja keiner auf die Idee kommen könnte, 11.000 Kilometer von der Heimat entfernt könnten diverse Ligarivalitäten einmal ruhen und alle sich gemeinsam freuen, dass sich mal ein deutsches Team ans andere Ende der Welt verläuft...

Aber ich will nicht ungerecht sein und über alle schimpfen. Denn die meisten der lieben Landsleute prolten friedlich vor sich hin, wie man es aus deutschen Stadien kennt und mag. Doch einer von denen, ein junger Blonder mit dem Charme eines sexuell verklemmten Mitgliedes einer aus historischen Gründen heute nicht mehr gelittenen deutschen Offizierselite, geriet ein bisschen außer Kontrolle. Das war witzig, so lange er es bei Stinkefingern und "Scheiss FC Bayern" beließ, gerichtet an ein paar Bayern-Fans, die weiter entfernt saßen. Die Leute um uns herum, Chinesen und ein paar junge Inder, grinsten jedenfalls vor sich hin und machten Fotos von diesen sehr "deutschen" Fans.

Als dann aber zum ersten Mal "Miro Klose ist homosexuell, schwul, homosexuell, schwul, homosexuell, schwul", gesungen zur Melodie von "Yellow Submarine", durchs Stadion schallte, fanden wir das ein bisschen weniger komisch, und als der Blonde dann auch noch mit ein paar Polen-Sprüchen seinen dumpfen Rassismus pflegte, waren wir eher genervt. Habe mich dann gefragt, warum ich eigentlich genervt bin, soll er doch seine Sprüche ablassen, versteht ihn ja doch keiner von den 38.000 anderen Zuschauern. Aber irgendwie hatte ich gedacht, dass es ein bisschen anders ist, wenn man sich 11.000 Kilometer von zuhause befindet (siehe oben). Und ich wusste auch nicht, dass Auswechselspieler, wenn sie sich warm laufen, mit fröhlicher Häme beschimpft werden.

Ich mein': Klar haben die Geld dafür bekommen, hier in Hong Kong aufzulaufen. Und klar sind die Bayern arrogant, irgendwie... Aber für ein paar zehntausend Hongkonger war das echt eine große Sache, dass mal die Superstars vorbeischauen. Und ich frage mich, wie das wohl auf die wirkt, wenn da ein paar betrunkene Deutsche eine Mannschaft aus der eigenen Heimat niederbrüllen. Hier unten ist man nämlich immer auch ein Botschafter des eigenen Landes, ob man will, oder nicht.

Aber wahrscheinlich bin ich auch nur bisschen intolerant und auf diese Weise auch sehr deutsch. Die jungen Inder neben uns jedenfalls haben es richtiger gemacht. Solange die Bayern 0:1 hinten lagen, haben sie friedlich auf ihren Plätzen gesessen. Als dann die Bayern ausglichen, jubelten sie frenetisch und gaben sich als Bayern-Fans zu erkennen. Und als dann die Bayern 2:1 führten, lagen wir uns in den Armen. Bin ja eigentlich gar kein Bayern-Fan, aber...

Am Ende zogen dann der Blonde und einer seiner Kumpel grölend mit einer "Eintracht Frankfurt"-Fahne durch die Ränge, was eine Menge Hongkonger fotografierten. Kommen wohl selten in Kontakt mit deutscher Fußballfankultur. Ist wohl auch besser so. Ich jedenfalls wusste wieder, was ich aus Deutschland auch nach mehr als sechs Monaten noch immer nicht vermisse.

Die Bayern haben übrigens am Ende gewonnen. Das tröstete uns ein bisschen. Und wenn ich ehrlich bin: Als nach der Pause Olli Kahn nicht mehr auflief, habe ich auch "Scheiß FC Bayern" gedacht, schließlich wollte ich ihn doch noch fotografieren.

3.7.07 10:01
 


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