Hong Kong - so ist es wirklich

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Technik und Tai Chi

Beim zweiten Lesen ist mir aufgefallen, dass meine Einleitung etwas negativ klingt. Ist aber gar nicht so gemeint. Und deshalb schicke ich gleich etwas über die Hongkonger hinterher, für die ich sie manchmal richtig knuddeln könnte...

Eine Fahrt mit der U-Bahn quer durch Hongkong Island von Ost nach West wirft vor allem eine offensichtliche Frage auf: Womit haben sich die Hongkonger eigentlich die Zeit vertrieben, als es noch kein elektronisches Spielzeug gab? Heutzutage beschäftigen sie sich jedenfalls mit allem, was kompakt ist, bunte Bilder produziert, Töne von sich gibt oder Kommunikation ermöglicht. Ein junger Hongkonger und seine Freundin, die sich auf den ersten Blick innig umarmen, sich aber auf den zweiten Blick gerade in zwei völlig verschiedenen Welten bewegen, sind kein ungewöhnlicher Anblick. Er hat womöglich eine Playstation Portable (PSP) in der Hand und einen Knopf im Ohr und daddelt mit seinen Finger schnell auf dem Gerät herum, während sie ein Handy ans Ohr hält und leise spricht. Möglicherweise berühren sich ihre Welten kurz, wenn sie PSP und Handy tauschen, dann driften sie wieder voneinander weg.

Auffällig sind dabei die jährlich wechselnden Trendprodukte, die ohne weiteres zu erkennen sind: War es vor zwei Jahren undenkbar, das Handy ans Ohr zu halten und auf die allgegenwärtigen Bluetooth-Headsets zu verzichten, war vor einem Jahr nach dem endgültigen Durchbruch des Ipods jede Art von MP3-Player vertreten, bevorzugt natürlich die Originale von Apple. Zwischenzeitlich gibt es vermutlich in der Stadt mehr Ipods als Einwohner, der jüngste Trend sind nun die erwähnten mobilen Spielgeräte, sei es von Sony oder von Nintendo. Alters- und Sozialgrenzen kennen die Hongkonger dabei nicht. Schüler wie seriöse Geschäftsleute vertreiben sich die Zeit mit der Elektronik, der Geschäftsmann von Welt ist natürlich nicht ohne Blackberry Handheld anzutreffen.

Alle elektronischen Geräte betreffend gilt in Hongkong die Devise: Nichts ist so langweilig wie der Standard. Neue Hüllen für den Ipod sind ein Muss und durch die zahllosen Straßenhändler auch nahezu unbegrenzt verfügbar. Die Handys baumeln an modischen Bändern, sind in plüschigen Taschen untergebracht oder erscheinen im schicken Zebralook. Bunt und schrill muss es auf jeden Fall sein, die Displays der Handys springen dem westlichen Besucher sofort ins Auge, der auch immer wieder den Eindruck hat, das die Chinesen in Hongkong nicht wirklich erwachsen werden wollen. Was aber letztlich nur ein kulturelles Vorurteil ist, denn warum sollen nicht auch Erwachsene verspielt sein?

Das bei all der elekronischen Stimulanz mentale Entspannung vonnöten ist, liegt auf der Hand. Tatsächlich investieren die Menschen in Hongkong dafür einiges an Zeit. Morgens sind in kleinen Parks, die es in jedem Stadtteil gibt, vor allem Senioren, aber auch Menschen mittleren Alters anzutreffen, die sich bei Tai Chi-Übungen entspannen, Jugendliche sammeln sich dazu auf den Sportplätzen der Schulen. Die vielen kleinen und größeren chinesischen Tempel werden lebhaft besucht, und das den ganzen Tag über. Und am Wochenende strömen die Hongkonger ins grüne Umland oder auf eine der vielen Inseln. Sie wandern und liegen am Strand und erholen sich vom hohen Stresslevel ihrer Stadt. Denn die Hongkonger empfinden Hongkong durchaus als stressig. Dass sie selbst dagegen etwas tun könnten, indem sie in der Metro einfach mal nichts tun, nicht telefonieren und nicht daddeln, darauf kommen sie indes nicht. Es ist einer dieser Widersprüche, mit denen die Menschen hier gut leben. Sie verwenden zum Beispiel mit Vorliebe Desinfizierungssprays für ihre Hände, die unter anderem neben den Eingängen von Aufzügen hängen oder laufen mit einer Gesichtsmaske herum, wenn sie erkältet sind, um wiederum zur Mittagspause in Garküchen zu essen, bei deren Anblick sich dem westlichen Besucher der Magen umdreht. An den Häuserwänden hängen Plakate, die die Bürger dazu aufrufen, in der Sommerhitze Wasserlachen zu vermeiden, um etwas gegen Moskitos zu tun. Andererseits wollen die Hongkonger ihr Essen so frisch, dass das Geflügel auf den so genannten „Wet Markets“, den Lebensmittelmärkten, oft lebend angeboten und erst beim Kauf geschlachtet wird, was in Zeiten der Vogelgrippe mehr als gewagt ist. Aber so schnell die Hongkonger leben und Neues adaptieren, so beharrlich halten sie an Traditionen in allen Lebensbereichen fest. Widersprüchliches Hongkong!

19.6.07 14:31
 


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